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HANDELSBLATT, Freitag, 8. September 2006, 13:37 Uhr
Die USA in Bedrängnis

Ein Ozean, zwei Welten

Von Andreas Rinke und Christoph Nesshöver

Gleiche Ängste? Ja. Ähnliche Strategien? Sind möglich. Gemeinsam handeln? Ja, aber am liebsten nur ohne George W. Bush. Auf diese Formel lassen sich aus europäischer Sicht die transatlantischen Beziehungen fünf Jahre nach den Terrorattacken des 11. September 2001 bringen.



US-Präsident George W. Bush Foto: dpa
Bild vergrößernUS-Präsident George W. Bush Foto: dpa

BERLIN. Der Graben, den der Irak-Krieg zwischen Europäern und Amerikanern aufgerissen hat, hat sich nicht weiter vertieft. Aber Europäer trennen zwischen internationalen Problemen wie Iran oder Terrorismus und dem Image von US-Präsident Bush und seiner Außenpolitik. Letzteres hat sich in Europa trotz politischer Annäherungsbemühungen weiter verschlechtert.

Im Gegenzug sind Europäer selbstbewusster geworden. Sie lehnen eine US-Führungsrolle in der Weltpolitik mehrheitlich ab, wünschen sich aber von ihrer EU mehr Präsenz und Durchsetzungsvermögen auf dem internationalen Parkett. Dies ist das Ergebnis einer » Umfrage des German Marshall Fund (GMF) unter rund 12 000 Befragten in den USA, elf EU-Staaten und der Türkei.

Immerhin: "In der politischen Wahrnehmung zentraler internationaler Herausforderungen lässt sich wieder eine Konvergenz zwischen den USA und Europäern feststellen", sagte Sebastian Harnisch, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München. "Die gemeinsamen Werte demokratischer Gesellschaften dies- und jenseits des Atlantiks scheinen sich wieder stärker durchzusetzen." Und auch Dan Fried, Abteilungsleiter im US-Außenministerium für europäische Angelegenheiten, findet, die Untersuchung zeige, dass man "die gleiche Agenda" habe.

Für die Regierungsebene stimmt dieser Befund. Besonders Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in ihrem ersten Regierungsjahr bemüht, das Verhältnis zu Washington wieder zu entkrampfen: Jüngst empfing sie den US-Präsidenten in ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Der Ärger der USA über den Versuch ihres Vorgängers Gerhard Schröder, gemeinsam mit Frankreich und Russland den Irak-Krieg zu verhindern, verblasst.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Immer mehr Amerikaner sehen ihre eigene Regierung skeptisch.

Das neue deutsche Bekenntnis zu den USA macht Europa wieder zu einem attraktiveren Partner für Washington. Ein Beispiel für die wiedererstarkte transatlantische Kooperation ist etwa der Fall Iran, wo beide eng zusammenarbeiten. Die US-Regierung bekennt sich zu einem multilateralen Ansatz - was die EU-Regierungen würdigen. "Im Gegenzug haben die Europäer den Amerikanern versichert, dass sie, wenn es so weit kommt, auch Sanktionen gegen Iran ergreifen werden", sagt Außenpolitikexperte Harnisch. Und selbst eine militärische Strategie gegen Iran würden laut GMF-Umfrage fast so viele Europäer mittragen wie Amerikaner - was US-Diplomat Fried als die eigentliche Überraschung der Befragung sieht.

Nur erwähnt er nicht das Ergebnis einer genaueren Nachfrage: Käme es nämlich wirklich darauf an, würden nur 40 Prozent der Deutschen einen Militärschlag, aber 46 Prozent eine atomare Bewaffnung Irans akzeptieren. In den USA gibt es dagegen - wie übrigens auch in Frankreich - eine klare Mehrheit für eine Gewaltanwendung gegen Teheran.

Ohnehin hat dieser "neue Atlantizismus", den etwa der Berliner Regierungsbeauftragte für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Karsten Voigt (SPD), fordert, Grenzen. Besorgnis erregend für die US-Regierung dürfte sein, dass wie in den beiden Jahren zuvor 57 Prozent der Europäer eine amerikanische Führung in der Weltpolitik ablehnen.

Katastrophal fällt auch das Urteil über den US-Präsidenten aus: Nur 18 Prozent der befragten Europäer wünschen sich eine internationale Führungsrolle George W. Bushs - so wenige wie nie zuvor. Allerdings sehen auch immer mehr Amerikaner ihre eigene Regierung skeptisch.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Die grundsätzlichen Differenzen zwischen Europa und den USA bleiben bestehen."

Experten wie Werner Weidenfeld warnen deshalb auch davor, die zarte transatlantische Annäherung überzubewerten. "Die grundsätzlichen Differenzen zwischen Europa und den USA bleiben bestehen", sagte der Direktor des Centrums für Angewandte Politikforschung in München. Seit 2001 fühlten sich die Amerikaner "existenziell bedroht" - anders als die meisten Europäer. "Daran haben auch die Terroranschläge in London oder Madrid nichts geändert", sagte Weidenfeld.

Geändert hat sich allerdings das Selbstbewusstsein der Europäer - und damit die Ansprüche an die gemeinsame Außenpolitik der EU. Eine Mehrheit der Europäer - und vor allem die Deutschen - wünscht eine stärkere eigenständige außen- und sicherheitspolitische Rolle der EU. So befürworten zwei Drittel der befragten Europäer einen EU-Außenminister. Hier bestärken die Amerikaner die Europäer: Drei Viertel der befragten US-Bürger sind ebenfalls für eine stärkere EU-Rolle in der Weltpolitik.

Auf dem Höhepunkt des transatlantischen Irak-Streits trieb US-Außenminister Donald Rumsfeld die Europäer auseinander, als er sie in "alte" - Deutschland, Frankreich - und "neue" - Spanien, Polen - teilte.

Heute ließen sich die Europäer wohl nicht mehr so leicht entzweien. Gerade in Polen mit seiner einst starken atlantischen Orientierung geht das Ansehen der USA und auch der Nato zurück. Europa ist wieder europäischer - und gerade deshalb wohl für die USA ein wertvollerer Partner.



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